Die Inventur der besonderen Art
Detektivgeschichte · literarisch neu erzählt
Die Inventur der besonderen Art
Der Geschäftsführer legte mir eine Inventurliste vor, die selbst in einer Erotikmarkt-Kette für rote Ohren sorgte. Nicht wegen der Artikel – wegen der Summen.
Wenn die Kasse weniger weiß als das Lager
Sieben Filialen, wechselndes Personal, ein Onlineshop und Waren, die sich diskret weiterverkaufen ließen: Die Voraussetzungen für Schwund waren beinahe zu gut. Kunden erhielten Produkte, die im Kassensystem nie auftauchten. Lieferungen kamen vollständig an, waren im Zentrallager aber plötzlich kleiner.
Der Geschäftsführer verdächtigte einen Verkäufer. Ich verdächtigte zunächst das Verfahren. Wo Kontrollen fehlen, kann ein einzelner Täter arbeiten – oder ein ganzes Netzwerk.
Testkauf mit ernstem Hintergrund
Wir planten rechtlich abgestimmte Testkäufe. Meine Mitarbeiterin und ich traten in verschiedenen Filialen als gewerbliche Interessenten auf. Wir fragten nach größeren Mengen und ließen offen, ob eine Quittung für uns wichtig sei. Mehr brauchte es nicht.
In der ersten Filiale blieb alles korrekt. In der zweiten wurde uns ein „Sonderpreis“ angeboten, wenn wir bar zahlten. In der dritten erklärte ein Verkäufer, bestimmte Ware könne nach Ladenschluss direkt aus dem Lager geholt werden. Er sagte das mit jener vertraulichen Stimme, die Menschen benutzen, wenn sie glauben, gerade besonders clever zu sein.
Wir dokumentierten Angebote, Zeiten, Produktnummern und Zahlungen. Keine Provokation, keine erfundene Straftat – nur eine Gelegenheit, die von den Beteiligten aus eigenem Antrieb genutzt wurde.
Der Schwund hatte eine Lieferadresse
Parallel verglichen wir Kassendaten, Retouren, Benutzerkennungen und Lieferbewegungen. Auffällig war ein Mitarbeiter aus der Verwaltung. Bei Sendungen, die er freigab, häuften sich nachträgliche Mengenänderungen. Öffentlich zugängliche Unternehmensdaten zeigten, dass in seinem familiären Umfeld kurz zuvor ein eigener Onlinehandel eröffnet worden war.
Die Verbindung ließ sich durch eine dokumentierte Lieferung erhärten. Ware aus dem Bestand der Kette wurde nicht in eine Filiale, sondern zu einem privaten Lager gebracht. Von dort tauchten gleiche Artikel mit passenden Chargen und Verpackungsmerkmalen online auf.
Zwölf Verdächtige und ein sehr langer Sicherstellungsbericht
Die Ergebnisse gingen an die Polizei. Durch die weiteren Ermittlungen wurde deutlich, dass mehrere Beschäftigte beteiligt waren. Die einen verkauften unter der Hand, andere verschoben Ware, wieder andere halfen beim Weiterverkauf. Was als Verdacht gegen eine Person begonnen hatte, endete in einem umfangreichen Tatkomplex.
Der damalige Polizeibericht zählte die sichergestellten Gegenstände sehr genau auf. Ich erspare Ihnen die vollständige Liste. Sagen wir so: Der Beweismittelraum war anschließend besser sortiert als manche Filiale.
Der kleine Haken am großen Erfolg
Die Geschäftsleitung bedankte sich ausführlich. Bei der behördlichen Prüfung fiel allerdings auf, dass im Unternehmen selbst nicht alles vorbildlich organisiert war. Einzelne Beschäftigungsverhältnisse mussten ebenfalls geklärt werden.
Das ist eine Erfahrung, die Unternehmer manchmal überrascht: Wer mit einer Taschenlampe in den Keller leuchtet, sollte damit rechnen, mehr als die gesuchte Kiste zu sehen.